[Imc-germany-editorial] Fwd: liste

init init at nadir.org
Sa Mär 19 03:29:50 PST 2005


Date: Montag, 14. März 2005 21:58
From: winnie
To: init at nadir.org

Hallo Init,
nun bin ich gerade dabei, von Ferne Content zu produzieren, und just gibt
die red-liste ihren Geist auf...

Ich schicke Dir die entsprechende Meldung in der Hoffnung, dass Du sie
 entweder weiterleitest.

Momentan sind wir in Venezuela, und ich habe etwas mehr Zeit, mich um die
Oeffentlichkeitsarbeit unserer Delegationsreise zu kuemmern. Naeheres kannst
 Du auch der Mail entnehmen. Texte sind¨s inzwischen vier, Fotos sechs.
 Demnaechst koennte ich einen Ueberblickstext fuer ein Feature schreiben...

Schoenen Gruss,
Winnie

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Hallo,

ich schreibe Euch aus Bogotá, Kolumbien. Die offizielle Bezeichnung unserer
Reisegruppe, die Basisorganisationen nicht nur besuchen, sondern auch
 staerken will, lautet: Delegation für Frieden und Solidarität.

Ich werde oefter mal einen Text mit relativ offizieller Aufmachung und
vielleicht mit entsprechendem Format auf die Seite posten und moechte Euch
 darum bitten, diesen in den newswire zu schieben. Es sind alles
 Erstpostings.

Eventuell, wenn wir Fotos haben und verschicken koennen und etwas mehr Text
existiert, werde ich Euch um ein Feature anfragen.

Soweit so schoen,
Gruesse,
Winnie



fuer alle (technisch problematischen) Faelle hier nochmal der aktuelle Text:
„Delegation für Frieden und Solidarität“ trifft Gewerkschaftsführer
(Bogotá, 28. Februar 2005, Delegation für Frieden und Solidarität) Die erste
offizielle Zusammenkunft der „Delegation für Frieden und Solidarität“ und
Vertretern von Gewerkschaften fand im INS, Arbeits- und Bildungsstätte
verschiedener Gewerkschaften in Bogotá, statt. Thema war die Situation des
Gewerkschaftssektors in Kolumbien. Die Referenten gingen insbesondere auf die
von Gewerkschaften ausgehenden Initiativen und Perspektiven ein. Abschließend
drehte sich das Gespräch darum, welche Erwartungen von kolumbianischen
Gewerkschaften in internationale Missionen wie die der Delegation gesetzt
 werden.

Zunächst schilderte Emiliano Diano von der Bankgewerkschaft UNEP, seit 20
 Jahren im Bankwesen beschäftigt und seit zwölf Jahren gewerkschaftlich
 organisiert, seine Sicht auf die derzeitige Lage im Finanzsektor: Gestärkt
 durch
Steuersenkungen florierte der Bankensektor seit 1990 aufgrund einer Öffnung
 des Landes und damit einhergehenden Senkung von Zöllen, die ausländische
 Investitionsgelder anzogen. Damit ging es dem Finanzwesen besser als den
 deutlich angeschlagenen Sektoren in Industrie- und Agrarwirtschaft. Hinzu
 kam die weltweit einmalige Differenz von über 20 Prozent zwischen dem
 Zinssatz, zu dem die Banken sich Geld von der Zentralbank leihen, und dem,
 den sie den Kreditnehmern abnahmen - üblich sind vier Prozent Differenz.

Der seit 1997 eingetretene Rückgang der einstigen hohen Wachstumsraten von
 bis zu 20 Prozent wurde ohne Rücksicht auf ehemalige Gewinne und ohne
 weitere Abfederung auf die Konsumenten umgelegt. Arbeitslosigkeit traf den
 Finanzsektor nun ebenso wie andere Wirtschaftsbereiche Kolumbiens. Von
 120.000 Angestellten 1990 sank die Zahl der Beschäftigten auf heute 50.000.
 Die Situation ist prekär: Sinkende Löhne stehen steigenden Arbeitszeiten
 gegenüber, gewerkschaftliche Organisierung wird von den Banken erschwert wo
 nicht behindert.

13.000 Beschäftigte sind in unterschiedlicher Form, allerdings lediglich auf
Betriebsebene, gewerkschaftlich organisiert. Industriegewerkschaften gibt es
 in Kolumbien nicht, und auch der Versuch der UNEP, eine übergreifende
 Gewerkschaft zu gründen, ist bislang gescheitert.
Jüngere Initiativen richten sich darauf, die Banken darauf zu verpflichten,
 den produktiven Sektor zu stützen und sowohl Auslandschulden als auch die
 Verschuldung im Inland im Sinne der Konsumentinnen zu reduzieren bzw. zu
 erlassen. Von internationalen Kontakten erhofft sich Diano eine
 Verbreiterung der Öffentlichkeit zur kolumbianischen Situation, die bisher
 in Europa und den Vereinigten Staaten kaum bekannt ist.


Fernando Ramirez von „Sintraminercol“, einer Bergarbeitergewerkschaft, sah
 den staatlichen Bergbau, insbesondere das Unternehmen „Minercol“ in
 Abwicklung bzw. Privatisierung. Besondere Schwierigkeiten der
 gewerkschaftlichen Arbeit bestehen durch massiven Repressionsdruck. Dies
 zeigt sich nicht zuletzt durch die hohe Zahl der Mordanschläge auf
 Gewerkschaftspräsidenten. Daher werden führende Gewerkschafter, wie auch
 Fernando bei unserem Gespräch, von bewaffneten Leibwächtern begleitet.

Hintergrund der Repression ist die kritische Sichtweise der Gewerkschaften
 auf die Umgehensweise von Staat und Paramilitärs hinsichtlich der Ausbeutung
 der Bodenschätze. Dies trifft besonders auf die Situation südlich der
 Provinz Bolívar zu, wo sich kleine Goldschürfer gegen staatliche Vertreibung
 und paramilitärische Verfolgung behaupten müssen. Große Chancen werden ihnen
 nicht eingeräumt: Ramirez sieht das vom amtierenden Präsidenten Uribe am 27.
 Januar diesen Jahres durchgesetzten „Dekret 254“ als Ursache für die
 zunehmend schwierige Situation der Goldsucher an.
Eine besondere Rolle spielen ausländische Unternehmen, in denen die Situation
von Gewerkschaftern gefährdet ist: dazu zählen Glencore (ein Schweizerisches
Unternehmen) und der US-Konzern Drummond - dort sind im Jahr 2000 drei
Gewerkschafter erschossen worden, wozu inzwischen internationale
Aufklärungsarbeit gemacht wird, was auch zu einem Prozess gegen Drummond im
US-Bundesstaat Alabama geführt hat. Ramirez sieht hierin eine wichtige
 Funktion internationaler Kontakte: weitere Veröffentlichung der extremen
 Situation der Gewerkschafter in Kolumbien.


Edgar Paez von der Nahrungsmittelgewerkschaft Sinaltrainal und zudem
 Mitarbeiter der Organisation zur Beobachtung Multinationaler Konzerne
 berichtete genauer von den zahlreichen Menschenrechtsverletzungen gegenüber
 Gewerkschaftern. So liegt die Zahl ermordeter Gewerkschaftsmitglieder seit
 1985 bei 4200, allein im Jahr 2005 Jahr sind es bereits wieder elf. Hinzu
 kommt eine Vielzahl von Festnahmen, wozu viele Hundert Einzel- und auch
 Massenverhaftungen von bis zu einhundert Gewerkschaftern zählen.

Paez charakterisierte insbesondere die Politik der „demokratische Sicherheit“
von Präsident Uribe als Grundlage für diese Entwicklung: damit verbunden sind
u.a. der Aufbau des Repressionsapparates in Form von neuen Militäreinheiten,
Kriminalisierung von sozialen Bewegungen und die soziale Kontrolle (Uribe
forderte z.B. in seinem Regierungsprogramm eine Million Spitzel für
 Kolumbien, das wäre jeder 40. Einwohner des Landes).
Ein Schwerpunkt der gewerkschaftlichen Arbeit von Sinaltrainal liegt darauf,
 die Fähigkeit zur Selbstversorgung der kolumbianischen Bevölkerung wieder
 her zu stellen. Die Nahrungsmittelsouveränität soll mehr Unabhängigkeit
 gegenüber dem Ausland bringen.

Zudem bezeichnete Paez die Aktivitäten von Transnationalen Konzernen als
entscheidend für Kolumbien. Namentlich nannte er Nestlé und Coca Cola, gegen
die, von kolumbianischen Gewerkschaften auf internationaler Ebene
 organisiert, Kampagnen wegen gewerkschaftsfeindlichen Verhaltens gefahren
 werden. Bei den Kampagnen geht es vielfach um einen Konsumboykott der
 entsprechenden Produkte. An die Erdölunternehmen Repsol und Occidental
 richtete Paez ebenfalls schwerwiegende Vorwürfe: Beide begehen nicht nur
 schwerwiegende
Menschenrechtsverletzungen bei der Erdölgewinnung, so z.B. an der
 ortsansässigen indigenen Bevölkerung der Uvas, sondern nehmen laut Paez auch
 irreparable Umweltzerstörungen in Kauf. Das Treffen schloss mit einer
 historischen Darstellung der Entwicklung gewerkschaftlicher Arbeit in
 Kolumbien, die Domingo Tovar, Vorstand des Gewerkschaftsdachverbandes CUT
 und Verantwortlicher für Menschenrechte, gab. Eher düster fiel sein Fazit
 aus, dass angesichts eines von 18 Prozent 1985 auf 4 Prozent 2004 gefallenen
 Organisationsgrades die Gewerkschaften ihre Bedeutung und Möglichkeiten
 verlieren würden. Die Gründe für die Entwicklung sah er in der Repression
 gegen Gewerkschaften, der
Umstrukturierung der Unternehmen und der neoliberalen ideologischen Offensive
der Medien. Eine Annäherung an die sozialen Bewegungen und eine Verstärkung
 der Menschenrechtskampagnen sei eine mögliche Perspektive.


Besuch bei der kolumbianischen Frauenorganisation OFP
(Bogotá, 28. Februar 2005, Delegation für Frieden und Solidarität)
Im Süden Bogotas liegt das Barrio Ciudad Bolívar, in dem etwa zwei der acht
Millionen Einwohner Bogotas leben. Historisch gesehen zerfiel Bogota Ende der
40er Jahre von einer homogenen Stadt in verschiedene Zonen: die reichen
Oligarchien zogen sich in den Norden zurück, während sich im Süden die
Arbeiterviertel ausweiteten, ein Prozess, der sich bis heute hinzieht. Er war
Gegenstand verschiedener Stadtplanungen, die auf eine Kontrolle der Barrios
 im Süden hinauslaufen, bis hin zu der - wohl kaum zu realisierenden -
 Absicht, Bogota wieder auf drei bis vier Millionen Einwohner zu verkleinern
 und die „überflüssigen“ Bewohner woanders anzusiedeln. Die Stadtverwaltung
 versucht die Barrios zu kontrollieren, während verschiedene
 Basisorganisationen versuchen, die Menschen dort zu organisieren und ihre
 Lebensbedingungen zu verbessern. Eine in Ciudad Bolivar tätige Organisation
 ist die vor über dreißig Jahren gegründete OFP (Organisación Femenina
 Popular), die inzwischen über 3.000 Mitglieder hat und in mehreren Städten
 Einrichtungen unterhält. Über die Möglichkeit für Leute aus den Barrios,
 sehr günstig zu essen, finden Workshops statt, in denen sich Frauen
 qualifizieren können und lernen, sich zu organisieren. OFP betreibt in den
 letzten Jahren eine Kampagne gegen den Krieg in Kolumbien, zu den von ihr
 organisierten Demonstrationen kamen in Bogota einige tausend Menschen,
 durchaus nicht nur Frauen.
In einem von vier OFP-Büros in Ciudad Bolívar wurde uns von Marcella und
 Monqui bei einem Essen die Organisation und ihre Geschichte vorgestellt.
 Betont wurde, dass sich die Arbeit zwar auf die Organisierung von Frauen
 abzielt, die Praxis der OFP sicht aber auch stark gegen die Repression in
 den Barrios richtet. Bei einem ausgedehnten Rundgang erfuhren wir, dass in
 den letzten Wochen etwa 20 junge Männer - angebliche Kleinkriminelle oder
 Drogenabhängige - von Paramilitärs erschossen wurden. Und das unter den
 Augen einer großen, oben auf einem Hügel liegenden Militäreinrichtung.
 Erfahrungsgemäss seien solche Morde immer der Beginn des paramilitärischen
 Projekts, ein Barrio zu übernehmen und die dortigen sozialen Bewegung
 auszuschalten. OFP-Anführerinnen wurden in anderen Städten bereits mehrfach
 von Paramilitärs mit dem Tode bedroht.

Beeindruckend war das Gespräch mit einer Frau, die zusammen mit anderen aus
 den Bürgerkriegsgebieten vertriebenen erst vor fünf Jahren als Besetzerin in
 das Barrio gekommen war. Das von ihnen mit Hütten bebaute Gebiet wurde
 fünfmal von der Polizei geräumt, zweimal wurden ihre gesamten Habseligkeiten
 niedergebrannt. Erst nachdem der formale Besitzer des Geländes, einer
 aufgelassenen Finca, mit umgerechnet 500 Euro abgefunden wurde, konnten sie
 feste kleine Häuser bauen und Strom von einem angrenzenden Barrio legen -
 auf einen Wasseranschluss warten sie aber immer noch. Deutlich sichtbar war,
 dass die kommunalen Behörden von sich aus wenig bis gar nichts für die
 Bewohnerinnen tun, aber sehr viel
Eigeninitiative und Engagement von den BewohnerInnen kommt.

Zum Abschluss wurden wir von den OFP-Frauen noch darauf aufmerksam gemacht,
 dass die Männer im Billardsalon gegenüber eines ihrer Büros Informanten der
 Paramiltärs seien und es gut sei, wenn die mitbekommen würden, dass es eine
 internationale Öffentlichkeit gebe, weil die das von Aktionen gegen den
 OFP-Treffpunkt eher abhalten würde.

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