[Imc-germany] OpenPosting Plus X

init init at nadir.org
Mi Nov 23 02:30:27 PST 2005


Am Dienstag, 22. November 2005 15:52 schrieb tigger:
> ich möchte da mal eine grundsatzfrage stellen:
> ist indymedia eine seite mit open posting oder ein redaktionell
> betreutes nachrichtenportal?

Wenn mensch über die Probleme, Ziele und Grundsätze von Indymedia nachdenkt, 
ist es meines Erachtens wichtig, sich klar zu machen, wann und in welchem 
Kontext indymedia ursprünglich einmal angetreten ist. Und was indymedia 
(mit-) losgetreten hat.

Als indymedia im März 2001 in Deutschland anfing, funktionierte "Publizieren 
im Internet" völlig anders als heute.

Es gab keine Blogs und keine Wikis. Web-Seiten wurden auf dem privat-PC des 
"Webmasters" von Hand aktualisiert und dann per FTP auf Server übertragen.
Für Normalsterbliche war es so gut wie unmöglich etwas im Internet zu 
veröffentlichen. 

Doch nicht nur die technischen Rahmenbedingungen waren widrig. 
Das Paradigma - also die Vorstellung davon, wie lesenswerte Nachrichten 
zustandekommen, orientierte sich sehr stark an einem Modell, bei dem wenige 
"professionelle" AutorInen für viele (die Masse) schreiben.

Brechtsche Radiotheorie [1],  Medienkritik im Nachkriegsdeutschland [2], hatte 
es zwar alles mal gegeben, aber im Grunde hatten sich alle damit abgefunden, 
dass Medien-Machen und effizient Verteilen derart aufwendig ist, dass mensch 
das eben doch den Profis überlassen muss. [*]

Indymedia ist 1999 angetreten, um zu beweisen, dass das nicht so bleiben muss. 
Die technischen Voraussetzungen waren da und sind seitdem Jahr für Jahr immer 
besser geworden. 

Heute kann jedeR der/die über einen Internetzugang verfügt: 
- innerhalb weniger Minuten ein eigenen Blog anlegen. [3]
- über die Dinge, die ihm/ihr wichtig erscheinen,
   einen Eintrag bei Wikipedia erstellen oder erweitern 
- eigene Fotoserien ins Netz stellen [4]
- oder eine eigene Podcast-Radiosendung aufnehmen und 
   verbreiten [5]

Für keine dieser Dienste muss mensch übrigens mehr Daten preisgeben als bei 
einem Indymedia-Posting. Und für 12 Euro pro Jahr bekommt mensch, wenn es 
denn sein muss, sein/ihr www.meine-eigene-seite.de. 

Google [6] oder spezielle Blog-Suchdienste [7] machen all diese Inhalte 
verfügbar. Auf Odeo [8] finden sich fast 300 regelmäßige Podcast- 
Audio-Sendungen unter dem Suchbegriff "politics". Bei podster.DE [9] sind es 
immerhin um die 30 für 'politik'.

Was ich damit sagen will? 
Sich für emanzipative Mediennutzung einzusetzen, bedeutet heute nicht mehr 
dasselbe wie 1999. 

Open-Posting, 1999 im WWW idealistischer Alternativansatz anarchistischer 
MedienaktivistInnen, ist heute erfolgreich umgesetztes Grundprinzip in 
einigen Bereiche des Internet. 

Damals ging es darum, die Leute überhaupt erst mal davon zu überzeugen, dass 
sie die Rolle der Berichtenden einnehmen können. Dass sie JournalistInnen 
sein können. Und, dass dabei etwas lesenswertes herauskommt. 

Heute erscheint mir das "hier kann jeder alles Posten, solange es nicht 
*-istisch ist" einfach ein wenig zu wenig gefordert. 

Der Erfolg des OpenPosting erzeugt Rauschen. 
Emanzipative Mediennutzung heißt auch, aktiv mit diesem Rauschen umzugehen. 
Das heißt, Bewusstsein für die Problematik schaffen und dafür zu sorgen, dass 
die Ziele des Projektes nicht in diesem Rauschen untergehen.

Es geht vor allem auch darum, zu verstehen, dass Medienmacht heute primär 
nicht mehr dadurch ausgeübt wird, dass politisch wichtige Meldungen 
unterdrückt und kritische Inhalte verheimlicht werden. Vielmehr erreichen sie 
ihre Empfänger nicht mehr, weil deren Input-Kanäle mit Bergen von 
system-stabilisierenden Infomülls vollgestopft sind, der für sie nicht 
relevant ist, den sie aber trotzdem permanent verabreicht bekommen. 

Emanzipative Medienpraxis müsste sein, miteinander Strategien gegen diese 
Informations-Überflutung zu entwickeln, ohne sich dafür komplett aus dem 
Strom der öffentlichen Kommunikation ausklinken zu müssen. Kollaboratives 
Filtern, wie zB bei digg.com [10] funktioniert bei Sach-Themen sehr 
gut. Bei politischen Inhalten würde es eher repressiv die herrschenden 
Mainstream-Ansichten weiter zementieren. 

Emanzipative Mediennutzung hieße, eine Kultur der leidenschaftlichen, 
anspruchsvollen und reflektierten gemeinsame Medienproduktion zu fördern.

Meines Erachtens bedeutet das auch, von den Menschen, die bei Indy Beiträge 
veröffentlichen, zu fordern, dass sie sich Mühe geben, wertvolle Beiträge zu 
liefern und nicht die Aufmerksamkeit, die die Seite noch generiert, einfach 
für ihre aktuellen Propaganda-Bedürfnisse auszunutzen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Umwälzungen in der Internet-Medien- 
Landschaft (Blogs, Podcasts...) läuft Indymedia irgendwann Gefahr, nur noch 
Nachrichtenkanal derer zu sein, denen alles andere zu Anstrengend ist, und 
die einfach nur schnell ihre Meldung irgendwo unterbringen wollen. 

Wer anspruchsvolle lesens- oder hörenswerte Inhalte produziert, wird zukünftig 
immer weniger auf ein Umfeld wie Indymedia angewiesen sein, um sein/ihr 
Publikum zu finden. Das ist erfreulich. Ein eigenes Blog mit Beiträgen zu 
füttern, ist eigenverantwortliche selbstbestimmte Medienproduktion, ist 
indy-Media in Reinkultur.  Für podcasts gilt dasselbe.

Indymedia muss sich überlegen, welche Rolle es zukünftig in der neuen 
digitalen, vernetzten Medienlandschaft spielen will? 
Wo liegen die stärken eines GEMEINSAMEN Nachrichtenkanals gegenüber eines 
Weblogs einer Einzelperson oder einer kleinen Gruppe? Wofür lohnt es sich 
Netzwerke zu knüpfen? 
Welche Aufgaben lassen sich besser von unabhängigen lokal- oder 
themenbezogenen Kleingruppen erledigen?

Eine Seite zu sein, wo jeder erstmal alles posten darf, erscheint mir heute 
weniger fortschrittlich und interessant, als es 1999 zweifelsohne einmal war.

Open-Posting wird ein wichtiger Teil von Indymedia bleiben. Die exklusive 
Qualität dieses Prinzips wird aber hoffentlich mehr und mehr abnehmen, und 
damit auch die Bedeutung von Indymedia, wenn es nicht gelingt, Konzepte für 
eine Nützlichkeit der Seite zu entwickeln, die darüber hinausweisen. 
Der hohe Bekanntheitsgrad und das riesige internationale Netzwerk sind zwei 
unschätzbare Vorteile, die das indymedia dabei hat. 

schönen Gruß
init

Links
1: http://de.wikipedia.org/wiki/Radiotheorie
2: http://enzensberger.germlit.rwth-aachen.de/baukastenzueinertheorie.html
3: http://www.blogger.com/start um nur eine der vielen Dienste zu nennen.
4: http://www.flickr.com/  oder http://photobucket.com/
5: http://wiki.podcast.de/Veröffentlichen oder http://www.podcast.de/
6: http://blogsearch.google.com/
7: http://www.technorati.com/
8: http://www.odeo.com/tag/politics/
9: http://www.podster.de/tag/politik
10: http://digg.com/faq 	

[*] Natürlich gab es damals auch schon Gaswurzel-Journalismus:
Video-Kollektive, Freie- und Piraten-Radios, Zeitungsprojekte. Nur wurden die 
einerseits teilweise auch wieder von selbstbestimmten 'Profis' gemacht oder 
wurden jenseits der jeweiligen Sub-Kultur kaum bis garnicht wahrgenommen.